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04. Januar 2009
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.


Jahreslosung 2009 aus Lukas 18,27

Gedanken von Landesbischöfin Margot Käßmann

Ein neues Jahr liegt vor uns, noch fast unberührt, voller guter Vorsätze, die wir an Silvester immer wieder fassen. So ein Jahreswechsel ist eine Schwellensituation, alles scheint möglich und so gibt es viele gute Vorsätze:, mehr Sport, fünf Kilo abnehmen, mehr für die Schule tun, im Beruf den nächsten Schritt wagen, weniger Alkohol, der Familie mehr Raum gönnen, den Tag bewusster genießen. Alle Chancen, dass das gelingt, stehen offen – das Gefühl haben wir oft in den ersten Januartagen. Mit der Jahreswende verbindet sich die Hoffnung, manches anders machen zu können, was im letzten Jahr nicht gut gelaufen ist.

Wer den Bibelvers liest, der uns in diesem Jahr als Losung begleitet, erhält auf den ersten Blick gleich noch mehr Mut und Zuversicht: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“ (Lukas 18, 27), das erinnert ja fast an die Werbung: „Nichts ist unmöglich!“

Die Jahreslosung stammt aus einer biblischen Erzählung, die unter der Überschrift „Der reiche Jüngling“ bekannt ist. Der Zusage, dass bei Gott alles möglich ist, geht zunächst eine gewaltige Infragestellung voraus.

Der Mann, der hier fragt: „Was soll ich tun, um das ewige Leben zu ererben“, ist in keiner Weise als jung gekennzeichnet. Mit dem griechischen Begriff ist hier wohl eine leitende Persönlichkeit gemeint, vielleicht war er einer der Leiter der pharisäischen Bewegung. Er wird als Autorität geschildert, die dennoch Jesus um Rat fragt.  Als dieser Rat allzu praktisch wird und außer dem Halten der Gebote auch noch das Verlassen von allem Besitz und auch der Ehefrau verlangt wird, ist deutlich: die Anforderungen sind zu hoch. So kann der reiche Mann keinesfalls ins Himmelreich gelangen.

Lukas meint das offenbar in aller Radikalität: Reichtum, erst recht großer Reichtum ist mit dem Eingehen in das Himmelreich unvereinbar.  „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe…“ dieses Bild, das vielleicht von Jesus selbst stammt, ist weltberühmt geworden und wird gerne losgelöst vom eigentlichen Kontext verwendet. Die meisten Menschen allerdings haben vergessen, dass es weiter heißt: „als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.“ (Lukas 18,25). In der Geschichte der Exegese wurde versucht, die Radikalität dieses Bildes durch ein Ersetzen von „Kamel“ durch einen „dicken Strick“ (kabelon) zu entschärfen. Aber das hilft nicht, auch ein Kabel geht nicht durch ein Nadelöhr. Das Bild zeigt eine Unmöglichkeit, die Lukas bitter ernst ist. Die Einhaltung des Gesetzes teilt seine Gemeinde mit dem Judentum als Anforderung, um Gott gehorsam zu sein. Jesus überhöht diese Forderung aber noch: alle Güter müssen aufgegeben werden. So haben es die Jünger getan, das hebt Petrus hervor und dafür wird ihnen Lohn schon auf Erden und erst recht im Himmel zugesagt. (Lukas 18, 28f.) Für alle, die das nicht können, die sich außerstande sehen, einen so radikalen Schnitt zu machen, bleibt das Himmelreich eine Unmöglichkeit.

Es ist schwer, aber wir sollten diese Radikalität stehen lassen. Es ist eigentlich unmöglich, ins Himmelreich zu kommen. Wir können uns das nicht verdienen, erleisten. Was nun?

Reichtum bedeutet ja auch Sicherheit, ein Netz der Absicherung, das ich mir vielleicht selbst erarbeitet habe, ein Bedürfnis, nach Unabhängigkeit von anderen. Aber wenn wir uns klar machen, wie viele von uns bei allen Einschränkungen im Vergleich zu den wirklich Armen im Land und erst recht weltweit leben, dann wird uns bewusst werden: vor Gott verantworten können wir solche Ungerechtigkeit nicht. Dass die einen haben und besitzen, während die anderen hungern und sterben, hat nichts mit Weltgemeinschaft und gelingendem Leben zu tun. Wie wirken die radikalen Forderungen des Lukas mit Blick auf die Situation unserer Kirche, von Christinnen und Christen heute? Wie kommen wir zur Umkehr, zur Veränderung?

Der „reiche Jüngling“ ist offen, sensibel, er fragt Jesus um Rat. Übersetzt könnten wir sagen, er fragt: „Was kann ich tun, um mein Leben wirklich abzusichern, am besten für immer und ewig?“ Die Antwort, die er bekommt, ist zunächst ziemlich enttäuschend und erschreckend für ihn und vielleicht auch für uns, weil sie doch so gar nicht zu diesem Gefühl von „Alles ist möglich“ passt. Jesus sagt ihm: „Alles, was du als Mensch besitzt und kannst, kann dir keinen endgültigen Halt und absolute Sicherheit geben.“ Insofern kann niemand durch eigene Leistung ins Himmelreich kommen, aber je mehr wir meinen, selbst die „Macher“ zu sein, desto schwerer wird es. Heilige, hat Martin Luther gesagt sind eben gerade nicht perfekte Menschen, sondern diejenigen, die sich mit ihrem Leben ganz und gar Gott anvertrauen.

Viele von uns bauen darauf, dass Geld alles ist und uns absichert gegen jede Not. Wir beneiden die, die viel haben. Wie unsicher und verletzbar diese Absicherung ist, wurde im vergangenen Jahr bewusst, als alle Kurse wankten und nicht nur die Superreichen betroffen waren, sondern auch viele so genannte „kleine Leute“. Ähnlich ist es auch mit der großen Liebe. Wir erhoffen uns von unserem Partner das ganz große Glück und überfordern ihn gleichzeitig damit, denn ein anderer Mensch kann mein Leben bereichern und ergänzen, aber er darf nicht verantwortlich sein für mein ganzes Glück, für den Sinn in meinem Leben. Das heißt nicht, dass ich keinen Besitz haben darf. Es bedeutet nicht, dass ich von einem Partner nicht erhoffen darf, mit ihm glücklich zu sein. Aber machen, selbst schaffen kann ich das alles nicht. Innere Freiheit können wir aber gewinnen, wenn wir genau das begreifen.

Auf den zweiten Blick ist die Losung für das neue Jahr deshalb ganz realistisch und macht uns darauf aufmerksam, dass wir eben nicht alles schaffen können, was wir uns vorgenommen haben, um unserem Leben eine neue Richtung und Sicherheit zu geben. Es liegt nicht in meiner Hand, das ist die entscheidende Erkenntnis. Wenn ich glücklich bin, kann ich dafür einfach nur dankbar sein, aber ich kann das Glück nicht selbst absichern. Falls mich Sorgen umtreiben, kann ich sie nicht einfach verscheuchen, aber ich kann mich mit meinen Sorgen Gott anvertrauen. Wo ich Fehler, Ängste, Scheitern sehe, werde ich mich nicht selbst davon befreien können. Ich bin angewiesen darauf, dass Gott mich hält und trägt in diesem Leben und darüber hinaus.

„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“ – das ist eine wohltuende Ermutigung für ein ganzes Jahr, finde ich. Es ist eine Lebenszusage, die ein Jahr nicht von vornherein zum Krisenjahr abstempelt, sondern davon spricht, dass auch Überraschendes möglich ist. Vielleicht sind Gottes Möglichkeiten nicht immer die Wege, die wir uns erträumen und erhoffen. Aber es sind unsere Lebenswege, die wir gestalten, vor Gott verantworten und auf denen uns Gott immer wieder Zukunft eröffnet.