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01. März 2007
Next Year in Jerusalem ...


Das landeskirchliche Kunstprojekt mit Werken
von Joseph Semah im Ev. Kirchenzentrum Kronsberg
1. April bis 20. Mai 2007


Next Year in Jerusalem war das Motto eines Kunstprojekts unserer Landeskirche in Zusammenarbeit mit dem Gerhard-Marcks-Haus Bremen und der Hanns-Lilje-Stiftung. Das Ev. Kirchenzentrum Kronsberg war eine von 12 Kirchen in der Landeskirche, die für eine Skulptur des Künstlers Joseph Semah ausgewählt wurden (1.4. bis 20.5., tägl. 12.00 bis 20.00 Uhr).

Next Year in Jerusalem… – mit diesem Gruß verabreden sich Juden zum nächsten Passahfest in Jerusalem. Dorthin ist bekanntlich auch Jesus von Nazareth mit seinen Jüngerinnen und Jüngern gezogen. So wurde Jerusalem ein zentraler Ort auch für die Christenheit – im Blick auf Jesu Kreuzigung und Auferstehung, besonders auch als Symbol für die christliche Zukunftshoffnung: An Jerusalem, der „hochgebauten Stadt“ mit den 12 Perlentoren (Ev. Gesangbuch 150; 147,3) haftet nach Offenbarung 21f die Vision vom Kommen Gottes, der „alle Tränen abwischen“ und „alles neu machen wird“.

Darum geht es bei diesem Kunstprojekt, das landesweit beachtet werden wird und zum Schwerpunktthema 2007 unserer Landesbischöfin gehört: um Jerusalem als Ziel menschlicher Hoffnungen, als Bild eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ (2. Petrus 3,13), um Jerusalem als Sehnsuchtsort der Menschheit – und deshalb der Gruß und das Versprechen: Next Year in Jerusalem.
Joseph Semah, 1948 in Bagdad geboren, in Tel Aviv aufgewachsen, seit 1983 in Amsterdam lebend, ist ein international renommierter Künstler, der eigene große Ausstellungen z. B. in London, New York, Havanna, Madrid, Wien, Jerusalem, Berlin, Köln und Düsseldorf und schon mehrfach in Kirchen hatte (z. B. Neust. Kirche Hannover). Er schlägt eine Brücke zwischen den „messianischen“ Religionen, besonders dem Juden- und dem Christentum.

Joseph Semah wird bei der Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, 1. April, 18.00 Uhr im Ev. Kirchenzentrum dabei sein, ebenso die Leiterin des Fachgebiets „Kirche & Kunst“ in der Landeskirche (Haus kirchl. Dienste), Pn. Dr. Julia Helmke. Für April und Mai sind Begleitveranstaltungen geplant, hier zunächst ein Überblick über das Programm im Ev. Kirchenzentrum Kronsberg:

Sonntag, 01.04. / 18.00 Uhr – Kronsberger Abendkirche:
„L’shanah ha-ba’ah bi-yerushalayim –
Nächstes Jahr in Jerusalem!“

Eröffnung der Ausstellung mit dem Künstler Joseph Semah und Pastorin Dr. Julia Helmke (Fachgebiet „Kunst & Kultur“ im Haus kirchlicher Dienste)

Donnerstag, 05.04. / 19.00 Uhr – Kronsberger Tischabendmahl:
„Wenn dein Kind dich morgen fragt“ –
Das christliche Abendmahl auf dem Hintergrund der jüdischen Sederfeier

mit P. Wilfried Teichmann und P. Hans Joachim Schliep

Freitag, 06.04. / 18.00 Uhr – Kronsberger Abendkirche:
„Schrift-Spuren. Lebens-Zeichen“ –
Karfreitagsgottesdienst zu Joseph Semahs Skulptur und Johannes 19,19

mit Pastor Hans Joachim Schliep

Sonntag, 22.04. / 18.00 Uhr – Kronsberger Abendkirche:
„Jerusalem: Irdische Stadt und Ort der Sehnsucht“
mit Pastor Wolfgang Raupach-Rudnick (Fachgebiet „Kirche & Judentum“ im Haus kirchlicher Dienste)

Sonntag, 29.04. / 18.00 Uhr – Kronsberger Abendkirche:
„Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ (EG 150) –
ein altes Kirchenlied und moderne Literatur

(u. a. von Amos Oz, Else Lasker-Schüler, André Kaminski, Angelika Schrobsdorff)
mit Gabriele Schliep (Lesungen), Kristof Schliep (Gesang [angefragt]), Pastor Hans Joachim Schliep

Sonntag, 06.05. / 18.00 Uhr – Kronsberger Abendkirche:
„Himmlische Stadt. Stadt als Garten“ (Offenbarung 22) –
Jerusalem als Vision einer neuen Stadt und die neue Stadt auf dem Kronsberg

mit Pastor Hans Joachim Schliep

Sonntag, 13.05. / 18.00 Uhr – Kronsberger Abendkirche:
„Dein Zion streut dir Palmen“ (EG 11,2) –
Jerusalem bei Paul Gerhardt

mit Pastor Hans Joachim Schliep

Sonntag, 20.05. / 18.00 Uhr – Kronsberger Abendkirche:
„Von zwölf Perlen sind die Tore“ (EG 147,3) –
Schluß der Ausstellung

mit Landessuperintendentin Dr. Ingrid Spieckermann und (hebräischen) Liedern

Sonntag, 20.05. / 19.30 Uhr – Kronsberger Abendkonzert:
„Laila, Laila - Nacht, Nacht“ – Hebräische Lieder
mit Esther Lorenz (Gesang) und Thomas Schmidt (Gitarre). Eintritt: 7,00 Euro

Änderungen vorbehalten. Bitte beachten Sie dazu die aktuellen Informationen in der Presse und im nächsten Spektrum.

Die dazu erhältlichen gedruckten Prospekte und Programm-Blätter können Sie übrigens auch in unserem Downloadbereich als PDF herunterladen.

Weitere Informationen zu dem Kunstprojekt gibt es auch unter www.kunstinfo.net, dem Themenportal zu Kirche und Kunst des Hauses kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.


Im folgenden ein Deutungsangebot von Pastor Hans Joachim Schliep:

Joseph Semah wurde 1948 als Enkelsohn des letzten Großrabbiners in Bagdad geboren, wuchs in Israel auf und lebt jetzt in Amsterdam.

In seinem künstlerischen Werk spürt er den Verbindungslinien zwischen religiösen Traditionen nach, um zu einem Brückenschlag über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg beizutragen sowie nach wie vor bestimmende und tragende Symbole und Sinngehalte neu zu vergegenwärtigen.

In diesem Sinn versteht Joseph Semah auch das in 12 Kirchen der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers installierte Kunstprojekt NEXT YEAR IN JERUSALEM (zum Gesamtprogramm siehe Faltblatt) als „Fußnote“ zum jüdisch-christlichen Erbe. Da sie dafür wichtige Anknüpfungspunkte und Anschauungsgegenstände bieten, installiert er seine Werke bewusst und absichtsvoll in Kirchenräumen. So fordert Joseph Semah dazu auf und heraus, daß sich Christinnen und Christen mit den Wurzeln ihrer Tradition, der Geschichte ihrer Kirche, nicht zuletzt im Blick auf das Judentum, sowie den Gründen, Formen und Themen des Glaubens auseinandersetzen.

Eine starke jüdische Wurzel hat der christliche Glaube in dem Gruß, den Menschen jüdischen Glaubens anlässlich des Sederabends, einem der Ursprünge des christlichen Abendmahls, zu Beginn des Pessachfestes (im christlichen Festkreis Ostern) einander zurufen: „L’schanah haba’a biruschalajim: Nächstes Jahr in Jerusalem“. Damit kommt die Juden und Christen gemeinsame Hoffnung in den Blick: Jerusalem als Hoffnungsziel für Frieden, Gerechtigkeit und Heil der ganzen Menschheit. Wir kennen sie aus den prophetischen Verheißungen bei Jesaja, Hesekiel und Sacharja sowie von Jesu Einzug in Jerusalem (Matthäus 21, Johannes 12) und der Vision des „Neuen Jerusalem“ (Offenbarung 21+22). Da diese notwendigen Hoffnungen noch unerfüllt sind, ist Jerusalem nach wie vor der Sehnsuchtsort, der Juden, Christen und Muslime miteinander verbindet. Es liegt wohl ein tiefer Sinn darin, daß sich die humane Friedenssehnsucht gerade an Jerusalem, der umstrittensten und umkämpftesten aller Weltstädte, festmacht.

Der Zuruf „Nächstes Jahr in Jerusalem“, namentlich auf dem Hintergrund der Wallfahrts- und Zions-Psalmen in der Hebräischen Bibel („Altes“ Testament), ruft den Gedanken an das menschliche Leben als Weg wach. Infolgedessen erinnert die Installation im Ev. Kirchenzentrum Kronsberg zunächst einmal an den Weg aus alter Herkunft und Heimat in ein neues Land, den Abraham gerufen wurde; auf ihn als „Stammvater“ gründen sich Juden, Christen und Muslime. Das Weg-Motiv kommt besonders in den Schuhleisten zum Ausdruck, auf dem die Spiegel aufruhen. Einmal abgesehen davon, daß auch der Kronsberg ein Zuzugsgebiet in neue Räume ist, erinnern sie auf noch ganz andere, dramatische Weise an das Leben als Wanderschaft und an das „wandernde Gottesvolk“: an Israels leidvolle Erfahrungen der Verbannung, Vertreibung und Vernichtung und das Leben in der Zerstreuung (Diaspora).

Die Installation YaKNeHaZ links neben dem Altar macht in einfacher, unmittelbarer Formensprache Israels bedrückende Sklavenschaft in Ägypten und den schweren Weg der Befreiung anschaulich (2. Mose 12ff). Da Jesus von Nazareth am Abend vor Pessach, dem Fest der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und den durch die Wüste führenden Weg in die Freiheit, eine gebrochene Mazza auf seinen unmittelbar bevorstehenden Kreuzestod bezog, ist der christliche Glaube tief und bleibend in der jüdischen Überlieferung verwurzelt (zu YaKNeHaZ siehe das Blatt auf dem Altar rechts neben der Installation).

Wie keine anderen sind die Menschen jüdischen Glaubens auf „Gastfreundschaft“ angewiesen; sie wurde ihnen oft genug verweigert, sie sind ständig von Exil und Flucht bedroht. Auch der Künstler weiß sich in der Fremde, als Gast. In dieser einerseits unvergleichlichen Diaspora-Existenz verdichtet sich andererseits die menschliche Grunderfahrung des Gastseins (Paul Gerhardt: „Ich bin ein Gast auf Erden“) und des Angewiesenseins auf Gastfreundschaft.

Daraus ergibt sich das Motto der Installation von Joseph Semah im Ev. Kirchenzentrum Kronsberg: „hasbarat-paniem“ / „hospitality“ / „Gastfreundschaft“. Für den Künstler steht dabei im Hintergrund die Philosophie von Emmanuel Levinas mit der Kernaussage vom „Antlitz des Anderen“: erst aus der Begegnung mit anderen Menschen wird ein Mensch ein Selbst, eine Person, ein Subjekt. Ein Kind kann nur wachsen, seinen eigenen Charakter entwickeln und seine unverwechselbare Individualität ausbilden, wenn es in einem Klima der Zuwendung „angesehen“ wird.

„Hasbarat-paniem“ heißt wörtlich übersetzt: „das Gesicht deuten, erklären, erhellen“. Das Wort „paniem“ (siehe die Aufschrift auf dem Spiegel rechts neben dem Altar) kehrt in einer ursprünglichen Bedeutung wieder in dem Segen, der am Schluß eines Gottesdienstes gesprochen wird: Das „Angesicht“, das dort für jedes einzelne Gemeindeglied „zum Leuchten“ gebracht, und das „Antlitz“, das „über“ jeder Frau, jedem Mann „erhoben“ wird, meint im wörtlichen Sinn die „paniem“, die „Hinwendungen / Zuwendungen“ Gottes!

So ist die Segens- verbunden mit der Alltagserfahrung: dem Angewiesensein auf „Gastfreundschaft“, vermittelt durch das und erlebt im An(ge)sehen(werden) im „Antlitz des Anderen“. So betrachtet, ist jeder Mensch „Gast“ bei einem anderen - und alle Menschen gemeinsam Gäste dessen, der die Welt erschaffen hat und weiter erschafft!
Dieser Erfahrung erneut und in neuer Weise ansichtig zu werden, ermöglicht Joesph Semahs Installation: Jeder der neun Spiegel enthält in Spiegelschrift ein hebräisches Wort, das einen Teil des menschlichen Körpers, hier namentlich des Kopfes bezeichnet (siehe dazu den Plan für die Ausstellung). Ein fremdes Gesicht anzusehen, einen anderen Menschen sich in unseren Augen spiegeln zu lassen und uns selbst in seinen Augen zu spiegeln - und zu verändern, darin ereignet sich Begegnung, daraus entsteht Freundschaft über Grenzen hinweg. Das ist der Weg zur Humanität.

In der Installation von Joseph Semah wird dieser Weg als Gebet verstanden: alle neun Spiegel haben die Form der Gebetskapsel an den „tefillin“, den Gebetsriemen, die betende Juden an der Stirn und am Arm in Herzhöhe tragen.

Das Gebet, in dem ein Mensch sich an Gott wendet und sich der Zuwendung Gottes vergewissert, und der Spiegel, in dem ein Mensch den anderen und von ihm her sich selbst erkennt: Sie symbolisieren die Rückbindung an den Einen Gott, von dessen Segen Leben ausgeht, und die verpflichtende Verbindung mit den Menschen, die mit uns auf dem Weg sind. Brauchen wir, um leben zu können, nicht beides: die Hinwendungen Gottes und die Zuwendungen (mindestens) eines anderen Menschen?

Christinnen und Christen glauben, daß in Jesus von Nazareth am Kreuz auf Golgatha Gott sich dem Menschen in einer letzten Tiefe zuwendet und ihn (uns) in unüberbietbarer Hingabe und Liebe ansieht. Auch so, sich von Jesus Christus, der in Jerusalem gestorben ist und zu neuem Leben erweckt wurde, anblicken zu lassen, kann die Christenheit den Zuruf vernehmen: „Nächstes Jahr in Jerusalem“.

Hans Joachim Schliep
Pastor am Ev. Kirchenzentrum Kronsberg
30. März 2007





Zu Joseph Semahs Kunstverständnis

Der israelisch-niederländische Bildhauer Joseph Semah ist ein Künstler, dessen künstlerische Existenz von der Suche nach den vielschichtigen Bedeutungen von Traditionen und Symboliken geprägt ist. Semahs Oeuvre ist eine eigenwillige, ungewöhnliche Stimme in der zeitgenössischen Kunst, sein besonderer Ansatz ein betont inhaltlicher.
Für den Künstler, der 1948 als Enkelsohn des letzten Großrabbiners in Bagdad geboren wurde und in Israel aufgewachsen ist, gibt es keine leere Bildersprache. Sein künstlerisches Schaffen setzt sich damit auseinander, wie gewisse visuelle Muster und Zeichen funktionieren, die bei aller oberflächlichen Säkularisierung sehr stark vom jüdisch-christlichen Erbe geprägt sind. Joseph Semah erforscht dies, indem er seine Werke in unterschiedlichen Räumen (vom Museum bis zur Kirche) präsentiert.

Semah beschäftigt sich intensiv mit den Fragen: Welche Traditionen prägen unsere Wahrnehmung von Kunst und welche Traditionen sind das Fundament, aus dem sich unsere Hoffnungen und Sehnsüchte speisen? Das Projekt „Next Year in Jerusalem“ nimmt die Idee von Jerusalem als Sehnsuchtsort auf und stellt es in kirchliche Räume. In Räume, die von sich aus Verbindungen zu dieser Tradition herstellen…

Joseph Semahs Installationen in den 12 teilnehmenden Kirchen sind eine Aufforderung, sich mit den Wurzeln der eigenen Tradition auseinanderzusetzen und sie kreativ weiterzudenken. Dabei eröffnen sie dem Betrachter einen fremden, kritischen Blick auf Vertrautes, sie stoßen an und wollen öffnen für ein Gespräch mit dem Fremden, dem Gast. So betont Semah immer wieder, dass er sich selbst als Gast versteht, seine Kunst als Aufforderung zu einer offenen Debatte, an der jeder Besucher persönlich und aktiv teilnehmen soll.

Hannover, Kirchenzentrum Kronsberg: Hasbarat – Paniem (Hospitality), 2007

Deutungsangebot zum Hauptkunstwerk:
Neun Spiegel in Form von Tefillin aufgestützt auf je drei Schuhleisten erfüllen den Kirchenraum mit den Spiegelungen der hebräischen Worte für das menschliche Angesicht: Kopf, Gesicht, Nase, Augen, Mund, Kinn, Haar, Nacken, Ohren.

Der Name des Kunstwerkes lautet „Hasbarat – Panim“, Gastfreundschaft. Wörtlich übersetzt auch: „das Gesicht interpretieren, erklären, erhellen“ . Die Kombination der zu jüdischen Tefillin geformten Spiegel samt Aufschrift mit den drei Schuhleisten samt Aufschrift ist beabsichtigt und will gedeutet werden. Dazu muss man die Geschichte des jüdischen Volkes kennen.

Das Volk Israel, von Gott vor allen anderen Völkern als sein Bundespartner auserwählt, ist von seinen ersten Ursprüngen bis in die heutige Zeit ein wanderndes Volk. Abraham, Stammvater aller Kinder Israels, zieht zeitlebens durch das ihm verheißene Land – auch seine Söhne und Enkel tun das – jedoch ohne es je selbst zu besitzen! Die großen „Erzväter“ waren und blieben immer Fremde.
Das Fremd-Sein, stets auf die Gastfreundschaft anderer angewiesen zu sein, hat das Volk Israel geprägt: Die leidvollen Erfahrungen der Fremdlingsschaft sind das Fundament des ethischen Verhaltens, das Israel sich zum Gebot macht, noch bevor es das verheißene Land in Besitz nimmt. Und so beginnen die zehn Gebote mit einer Erinnerung an den Sklavendienst in Ägypten.

Joseph Semah widmet sich in seinem Oeuvre ausführlich dem Thema der ständig von Exil und Flucht bedrohten Juden , die wie kaum ein anderes Volk auf die Gastfreundschaft Fremder angewiesen waren. Joseph Semah versteht sich selbst als Gast - als kritischer Gast: Seine Kunst als kritische Bemerkung zur christlich-westlichen Kultur.

Was bedeutet es, Gast zu sein? Auf freundliche Gesichter hoffen? Zurückweisung erfahren?
  • Das Angesicht des Gekreuzigten. In jeder Kirche begegnet es. Sein Angesicht ist nicht das, was Menschen normalerweise von einem Erlöser erwarten.
  • Semah schreibt: „Sich auf die Nichtigkeit im Bereich der Lebenden zurückzubesinnen, heißt unser Verlangen zu geben akzeptieren. Zu geben, ohne zu fragen. Ohne von unserem leeren Ort aus zu fragen...“
  • In „Echo/Echo“ schreibt Hugues Boekraad: „Der Fremdling hat die Wahrheit seiner Geschichte nicht gepachtet. Er bringt Bruchstücke seiner Erinnerung mit, Formen, die umso mehr verblassen, je länger er unterwegs ist … Um so hartnäckiger verteidigt er das, was übrig bleibt. Sobald er seine Geschichte erzählt, ist er Künstler, nimmt er Platz in der Sprache des Anderen ein … Der Fremdling befindet sich auf der Schnittstelle zwischen Muttersprache und Architektur“.

Was bedeutet es, Gastgeber zu sein? Auf ein fremdes Gesicht zu treffen, dem anderen zu begegnen, sich selbst im anderen zu sehen, daran zu denken, dass man selbst ein Gast ist. Hasbarat Panim?

Was bedeutet es, wenn Kirche Gastgeberin für Kunst ist?
Sind Künstler „wichtige Gesprächspartner für uns als Kirche“ (Margot Käßmann)?
„Der christliche Glaube … lebt von der engagierten Zeitgenossenschaft an der frischen Luft (der für Kunst geöffneten Kirchentüren – Anm. d. Vfin.), auch wenn es mal etwas zugig werden kann “ (Petra Bahr, EKD-Kulturbeauftragte).
Hasbarat Panim?

Kunstwerk 2: Fußnote „YAKNEHAZ“ 1987
Drei hölzerne Klebeklammern, wie man sie vom Schuster kennt, halten 10 in Bronze gegossene Mazzen. Das Kunstwerk ist eine zusätzliche Bemerkung zu der Thematik der Gastfreundschaft gegenüber dem wandernden Volk, gegenüber den vertriebenen Israeliten, gegenüber den flüchtenden Juden.
Die Mazzen sind ungesäuerte Brotfladen, die in der Pessach-Woche von Juden zur Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten gegessen werden. Nach biblischer Tradition blieb den Fliehenden beim Aufbruch keine Zeit mehr, den Teig für ihre Brote zu säuern und gehen zu lassen (Ex 12).

(Text: Ann Margaret Bär/ Julia Helmke, Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste/ Arie Hartog, Gerhard-Marcks-Haus)